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Hörsaal 3B

In Zeiten der abgeschafften Anwesenheitspflicht bringt das Dozieren ganz neue Herausforderungen mit sich. Individuelle Eindrücke wie Probleme soll die folgende Kurzgeschichte veranschaulichen und (vielleicht?) zum Nachdenken anregen. 

 

Die Handouts im hippen Jutebeutel verlasse ich das Büro. Das Erreichen des Seminarraums gestaltet sich aufgrund der zwei Stockwerke und der absurd tiefen Treppenstufen anstrengend, aber ich bin frohen Mutes ob des heutigen Themas (und nur ein wenig außer Atem, immerhin rauche ich seit einigen Jahren nicht mehr). 

Im Seminar erwarten mich insgesamt acht Studierende – über den ganzen Raum, der bis zu 50 Studierenden Platz bietet, verteilt. Anscheinend orientieren sich die meisten eher an der Verteilung der rar gesäten Steckdosen denn an ihren Kommilitonen – digitale Medien und der Zugang zu sozialen Netzwerken scheint im Alltag wichtiger als menschliche Interaktion face-to-face (#Prioritäten).

Ich lasse meinen Blick noch einmal über die vielen leeren Stühle gleiten. Wieso ist die Linie 142 Richtung Uni morgens um diese Uhrzeit eigentlich immer so voll, wohin fahren die ganzen Studierenden wirklich? Gehen die alle bloß Kaffee trinken, verschwinden sie durch ein Wurmloch in eine andere Dimension (in der HumFak hatte mal jemand auf einen alten, klapprigen Schrank einen Zettel mit der Aufschrift „Weg nach Narnia“ geklebt – ich beginne zu glauben, dass dies damals überhaupt kein Scherz gewesen ist und ich meine Chance womöglich verpasst habe) oder verteilen sich diese gefühlt 100 Studierenden aus einem einzigen Bus einfach auf 100 Seminare, die alle um diese Uhrzeit stattfinden? (Hey, dann wäre acht eine super Quote!) Ich überschlage die Gesamtteilnehmerzahlen meines Seminars kurz im Kopf: 24 Studierende offiziell über Klips 2 angemeldet – also ein Drittel anwesend. In Zeiten der abgeschafften Anwesenheitspflicht (es wäre ja auch völlig absurd, wenn in einem Präsenzstudium die regelmäßige Anwesenheit obligatorisch wäre) ist das eine recht ordentliche Quote. Insbesondere wenn man bedenkt, dass diese Veranstaltung an keine direkte Prüfung (und damit eben auch an keine direkte Note) geknüpft ist und dementsprechend einfach keine extrinsischen Motivationsfaktoren auf die Studierenden wirken. Es gibt zwar hie und da immer noch einmal Legenden von Studierenden, die intrinsisch motiviert sind, aber diese hinter hervorgehaltener Hand geraunten Sagenmärchen lassen sich schwer überprüfen, da die intrinsische Motivation schon seit einigen Semestern vor dem Aussterben bedroht und somit so selten wie ein Einhorn in der U-Bahn geworden ist (gelegentlich sieht man noch mal eins, meist rund um die Karnevalssaison). 

Dennoch, dieser leere Seminarraum wirkt absurd auf mich – denn ich habe schon bedeutend mehr Leute für labbelige, überteuerte Süßkartoffelpommes Schlange stehen sehen, nur weil die Foodkette eben neu eröffnet worden war und mit einer Reihe semi-exotischer Dipps (wie z.B. Mango-Maracuja oder Speck-Barbecue-Sauce) warb. Das ist vielleicht genau das Problem: Wir bieten hier halt nur Bildung. Da ist nachher nur der Kopf satt, vorausgesetzt man hat halt auch aktiv mitgedacht (und nicht wie ein apathischer Zombie im Seminarraum gesessen und den eigenen Instagram-Account gepflegt). 

Und bezahlen muss man ja auch nicht für die einzelnen Sitzungen - ist alles mit dem halbjährlichen Studienbeitrag abgegolten (mit dem man auch noch ein praktisches NRW-Tickets erhält, das zusammen mit den Studentenrabatten wahrscheinlich attraktiver ist als die Zugangsberechtigung zum höchsten Bildungsweg). Und genau deswegen ist es anscheinend nichts wert, etwas zu lernen, etwas zu wissen, sich mal in ein Thema reinzudenken. Vielleicht muss ich mehr Mühe in mein Marketing stecken: Im nächsten Semester schreibe ich einfach mal in den Kommentar der Veranstaltung „Die ersten 20 TeilnehmerInnen der Sitzung erhalten ein Gratis-Getränk“. Mal sehen, ob die Linie 142 dann morgens um diese Uhrzeit im Chaos versinkt, weil sich alle auf ihren kostenlosen Grande Moccachino mit einem triple shot Himbeersirup oder ihren ersten Prosecco des Tages freuen... 

Die Technik ist mittlerweile angeschlossen und läuft (oh Wunder). Mein Blick auf die Uhr bestätigt, dass ich offiziell anfangen kann. Indem ich auf meine Unterlagen für die Sitzung schiele, stelle ich die erste offene Frage in den Raum (fast hallt es ein bisschen): Wie hat Ihnen die Kurzgeschichte gefallen? 

Eine ganz simple Frage, da es keine falschen Antworten gibt. Selbst wenn man noch nicht ganz wach ist (was ja unter Studierenden um 10 Uhr morgens durchaus noch der Fall sein könnte), sollte man hier etwas zu sagen haben. Ich lasse die Frage im Raum wirken und zähle in Gedanken bis 15. Aktuell schaue ich noch in ratlose Gesichter oder auf die Kopfhaut der Studierenden, die ihr Gesicht entweder im Handydisplay oder in der Tasche vergraben haben. (Komisch, im Internet wollen immer gleich alle ungefragt ihre Meinung zu diesem oder jenem loswerden…) Zögerlich melden sich immerhin zwei. Mit einem innerlichen Seufzen nehme ich die beiden Wortmeldungen dran. Es sind die beiden Studierenden, deren Namen ich sowieso schon aufgrund zahlreicher Wortbeiträge seit Woche 2 kenne. 

Weitere Meldungen gibt es nicht. Ich schaue erwartungsvoll in die Runde und wende eine typische Strategie von Dozierenden an, die den Stillstand einer Diskussion vermeiden wollen: Ich paraphrasiere meine Frage in der Hoffnung, dass ich auf diese Weise doch noch die ein oder andere Stellungnahme provoziere. 

Stille. (In der hinteren rechten Ecke des Raumes höre ich ganz deutlich einen Floh husten.) 

Nach einigen Augenblicken des betretenen Schweigens stelle ich die Frage, die es vermag, dieses ganze Szenario aus den Fugen zu heben: Wer hat die Kurzgeschichte für heute denn überhaupt gelesen? 

Noch zögerlicher als eben melden sich drei – wobei dies eher ein vages Winken begleitend von einem gequälten Gesichtsausdruck ist. Der Rest schaut betreten auf den Tisch oder eben auf das Handy. 

Innerlich zähle ich noch einmal bis 10 und lege mir eine spontane Alternativplanung für die heutige Sitzung zurecht, da mein bisheriges Konzept eben nur funktioniert hätte, wenn alle Beteiligten (zumindest grob) wüssten, wovon sie reden. Die Sitzung verläuft ab hier auf die einzige Weise, die noch möglich ist: Ich rede mit den wenigen, die (ein bisschen bis sehr viel) Ahnung vom Text haben. Der Rest schweigt, manche machen sich aber immerhin gelegentlich Notizen. Das Tafelbild erstelle größtenteils ich, weil der Input aus dem „Plenum“ (aka dem fast leeren Raum) weitestgehend ausbleibt. Ungefähr nach 50 Minuten packt eine Studentin in der letzten Reihe ihre Sachen und geht wortlos. (Ich würde auch gerne meine Sachen packen und Kaffee trinken gehen. Schade, dass die Anwesenheitspflicht für Dozierende noch nicht abgeschafft wurde…)

Eine Viertelstunde vor Schluss verweise ich darauf, dass wir bei Interesse noch ein weiteres, für die Alltagspraxis relevantes Thema vertiefen könnten – vier Studierende haben zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits wieder eingepackt und nur zwei bekunden halbherziges Interesse. Der Rest zuckt mit den Schultern, also beende ich die Sitzung offiziell und verstaue meine Texte sowie die zahlreichen überflüssigen Handouts, die ich mitgebracht habe, wieder in der Tasche. Ein Student kommt zu mir ans Pult und legt wortlos sein Handout auf die Tischplatte. Noch bevor ich ihn fragen kann, ob er die Materialien nicht behalten will, hat er sich bereits umgedreht. Als ich hinter den Studierenden den Seminarraum verlasse, frage ich mich, ob ich in einer Art Dozenten-Hölle gelandet bin (welcher Kreis der Hölle wäre dies eigentlich nach Dante?) und wenn ja, wofür ich bestraft werde. 

Vielleicht ist das alles auch nur ein gigantisches Missverständnis. Bei Terry Pratchetts kongenialen Scheibenweltromanen gibt es unter den Dozierenden der sogenannten Unsichtbaren Universität einen allgemeinbekannten Code dafür, wenn keiner Lust auf Lehre hat und eigentlich frei machen will: Die betreffende Veranstaltung wird einfach für „Hörsaal 3B“ ausgeschrieben – da dieser Hörsaal auf dem gesamten Campus nicht existiert, wissen also alle Bescheid, dass sie im Bett bleiben können. Vielleicht habe ich aus Versehen irgendwo im Kommentar der Veranstaltung einen derartigen Geheimcode benutzt und nur deswegen kommen die Studierenden nicht…?

Auf dem Weg über den Campus zurück zum Büro gehe ich in Gedanken alle Lehrmethoden durch, die auch dann funktionieren, wenn nur eine Handvoll Studierende anwesend sind und keiner Ahnung vom Thema hat. Spontan fallen mir keine ein. Aber ich habe ja noch eine Woche Zeit für die Planung. 

Ich seufze. 

(von Astrid Acker)